Lisa Vanovitch und Pascal Steinmetzer beim Kongress "Von der Herde zum Rudel" (September 2024) in Berlin
Wir können nicht anders – wir müssen dazugehören. Unser stärkster Überlebenshebel ist das Rudel: ein gemeinsames Interesse und eine Möglichkeit zu kommunizieren. In der Netzwerkökonomie hebt das Internet die Geografie auf; Rudel entstehen überall – beim Arbeiten, Kaufen, Diskutieren, Kämpfen. Doch all diese Werkzeuge sind wertlos, wenn niemand führt. Führung heißt für uns: Bewegung erzeugen – viele Verbundene, die aktiv etwas Besseres wollen. Heute kann praktisch jede*r mitgestalten, weil Medienkanäle explodiert sind und Individuen in Organisationen mehr Gewicht haben.
In den letzten hundert Jahren hat sich unsere Motivation verschoben: Wir wollen an Dingen arbeiten, an die wir glauben. Fabriklogik stößt an Grenzen. Konsument*innen wählen Bedeutung, Geschichten und Zugehörigkeit statt Massenware. Marketing wird zum Motor: nicht teure Werbung, sondern Anschluss ans Rudel und Narrative, die sich verbreiten.
„Lang lebe der König?“ Die alten Hierarchien – Organisationen, Bildung, Institutionen der Fabrikära – passen nicht mehr. Systeme sind asymmetrisch geworden; unsere Hebel sind länger. Größe ist nicht mehr gleich Macht. Konnektivität ist Macht. Als Führung verwandeln wir gemeinsames Interesse in ein leidenschaftliches Ziel, stellen Werkzeuge für bessere Kommunikation bereit und helfen dem Rudel zu wachsen.
Wir lieben ein Experiment von Seth Godin: 2008 eine private Facebook-Gruppe für Bewerber*innen. Innerhalb von Stunden übernahmen einige die Führung, starteten Themen, mobilisierten. Die anderen sahen zu. Wen würdet ihr einstellen? Unsere Lehre: Führung ist eine Entscheidung. Manchmal bereiten wir die Bühne und ziehen uns bewusst zurück – aber wir tun niemals nichts. Wir bringen uns ein, wir ziehen uns zurück – doch wir tun niemals nichts.
Was hält uns? Angst vor Kritik. Genau deshalb wirkt Initiative überproportional – sie ist selten. Wenn wir den Status quo herausfordern, Kultur um ein Ziel bauen, Neugier kultivieren, Charisma klug einsetzen und eine klare Vision kommunizieren, dann verwandeln wir Gruppen in Rudel – und Bewegung in Wirkung.